"So ein Erbe ist auch eine ungeheure Bürde"

NZZ AM SONNTAG

Sie war drei, als ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Doch der Tradition der Familie blieb auch sie verpflichtet. Ein Gespräch mit Alexandra Cousteau, Enkelin des legendären Forschers.

by Mariam Schaghaghi

NZZ am Sonntag: Frau Cousteau, wie kommt es, dass Jacques-Yves Cousteaus Enkelin ausgerechnet in Berlin lebt statt irgendwo am Meer?

Alexandra Cousteau: Nun, der viel- leicht wichtigste Grund sitzt gerade in seinem Büro (lacht). Mein Mann Fritz Neumeyer ist Berliner und Architekt. Wir haben einige Jahre in Washington gelebt, doch dann hat er einige gute Aufträge in Berlin bekommen, den Umbau eines kleinen Schlosses und einer Villa. Und seit Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, wissen wir, dass wir nicht zurück in die USA wollen.

Es ist eine Klischeevorstellung. Aber wurde Ihnen mit dem Namen Cousteau wenn nicht die Liebe zum Meer, so doch der Forschergeist nicht förmlich in die Wiege gelegt?

Das bestimmt. Mit sechs Monaten ging’s auf die erste Expedition, auf die Osterinseln. Ich war in Chile, Tunesien, Uganda und Ägypten mit dabei. Meine Eltern sind mit uns die ganze Zeit zwischen L.A. und Paris gependelt, wo die Büros meines Grossvaters waren. Ausserhalb der Expeditionen dienten diese als unser Zuhause.

169454_10151183788104888_1602812337_o.jpg

Ihr Vater Philippe war der engste Ver- traute von Jacques Cousteau, aber er war auch sein ärgster Kritiker. Sind Sie auf dem Schiff aufgewachsen, der legendären «Calypso»?

Nein, meinen Grossvater habe ich erst nach dem Tod meines Vaters begleitet. Mein Vater Philippe hatte ein Kleinflugzeug, mit dem er auf Expeditionen unterwegs war. Ich war erst dreieinhalb Jahre alt, als er starb, und gerade auf einer Expedition meines Grossvaters. Aber dieser Lebensstil ist mir schon früh eingepflanzt worden. Die Kameraderie, die Teamarbeit und das Erkunden neuer Orte, das gehört alles schon sehr zu meiner familiären Sozialisation.

Wie stark ist Ihr Bezug zu der Wasserwelt?

Sie ist schon sehr ausgeprägt. Aber das stimmt mich auch traurig. Vieles, was ich als Kind kennengelernt habe, gibt es heute nicht mehr. Die Ozeane sind nicht mehr die, mit denen ich aufgewachsen bin: Das Mittelmeer ist inzwischen zu einer einzigen Todeszone geworden. Wir haben darin so ziemlich alles Lebendige zerstört. Zu Zeiten meines Grossvaters gab es dort noch richtig grosse Fische, jetzt schwimmen da nur noch kleine Exemplare herum.

Für Jacques Cousteau war das Tauchen eine Passion, er hat 1946 die Aqualunge entwickelt, die das Tauchen verein- fachte. «Zu tauchen ist wie zu fliegen», sagte er. Und für Sie? Teilen Sie auch diese Familienpassion?

Natürlich, wenn du tauchst, fühlst du dich schwerelos. Mein Grossvater selbst hat mir mit sieben das Tauchen beigebracht. Aber wenn ich ein absterbendes Riff sehe, erfüllt mich in erster Linie Trauer. Ist das Riff gesund, erfährt man eine völlig andere, faszinierende Welt. Ich tauche nicht mehr oft, weil ich es leid bin, mir tote Orte unter Wasser anzuschauen. Im Film geht es meinem Vater ähnlich, als er eine Höhle aufsucht, die er von früher her kannte und die dann leer war. Diese Enttäuschung und Trauer habe ich selbst oft erfahren.

Ihr Grossvater hat uns in seinen über 100 Filmen die Welt unter Wasser gezeigt. Das Vermächtnis Ihres Vaters ist es, dass diese Welt geschützt werden muss. Sehen Sie es nun als Ihre Aufgabe an, die Umwelt vor noch grösseren Schäden zu bewahren, oder ist es schon zu spät dafür?

Nein, ich glaube schon an die Möglichkeit, dass die Ozeane noch zu retten sind. Die Chance besteht nach wie vor, doch es wird immer schwieriger, gerade bei der wachsenden Population – wir sind heute 7,5 Milliarden Menschen. Unter dem steigenden Bedarf der Menschen leiden alle natürlichen Ressourcen unseres Planeten. Das Holz für die Ikea-Möbel, die vielen Lebensmittel, der Müll, den wir täglich produzieren. Indem ich das in Geschichten verpacke, versu- che ich, den Leuten klarzumachen, was hier gerade passiert und welche Art von Wandel uns bevorsteht. Noch könnten wir Einfluss nehmen – mit erneuerbaren Energien, nachhaltigen Nahrungsmitteln, kürzeren Lieferwegen, weniger Kleidung. Wenn wir aber weitermachen wie bisher, werden wir all das verlieren, was wir an diesem Planeten so lieben.

Ab wann haben Sie realisiert, dass Sie als Umweltaktivistin und Forscherin leben möchten?

Einen solchen bestimmten Moment gab’s gar nicht. Es fühlt sich so an, als tue ich das, was ich schon immer gemacht habe: unterwegs sein, kritisch beobachten, wie wir mit der Natur umgehen, und eingreifen – mit Aufklärung und Umdenken. Dieses Leben macht mich glücklich.

Sie haben ein fünf- und ein einjähriges Kind. Sind Sie, seit Sie Mutter sind, noch stärker engagiert?

Natürlich. Jetzt denke ich 70 oder 80 Jahre in die Zukunft, nicht nur die 30 oder 40. Die Dringlichkeit hat sich für mich verstärkt. Das macht mir schon Angst, das gebe ich zu.

Jérôme Salle zeigt in der Filmbiografie «Jacques», dass Philippe eigentlich der- jenige war, der seinen Vater erst zum Meeresschützer machte. Jacques hatte sich verrannt, in Spektakeln, in Film- deals, in Finanzproblemen. Was mei- nen Sie: War Ihr Vater der bessere Cousteau?

Mein Vater war studierter Ökologe. Grossvater war 1910 geboren, da exis- tierte diese Wissenschaft noch nicht einmal im Ansatz. Im Jahr seiner Geburt lebte gerade einmal eine Mil- liarde Menschen auf der Welt. Dann ist die Weltbevölkerung explodiert und mit ihr die überproportionale Nutzung der natürlichen Ressourcen. Meinem Grossvater waren diese lau- fenden Wandlungsprozesse durchaus präsent. Aber mein Vater ist das Thema sehr viel leidenschaftlicher und konsequenter angegangen.

Haben sich die beiden sehr oft gestritten?

Ich war zu klein, um mich zu erin- nern. Es gab wohl Konflikte. Philippe wollte sein eigener Herr sein und eigene Projekte durchführen. Es war auch nicht leicht, der Sohn von Jacques Cousteau zu sein! Mein Gross- vater war ein aussergewöhnlicher Mann, doch auch er hatte seine Fehler – seine vielen Geliebten, seine Eitel- keit...

Ihr Vater kam 1979 bei einem Flugzeug- absturz ums Leben, er wurde 38. Ihre Mutter erwartete gerade das zweite Kind. Wie ging Jacques Cousteau damals mit dieser Tragödie um?

Mein Grossvater hat Philippes Tod nie wirklich überwunden. Mein Grossvater und mein Vater waren Seelenverwandte, Jacques hat ihn über alles geliebt. Mich hat die Trauer meines Grossvaters oft richtig fertiggemacht. Er hat immer wieder gesagt, dass er an meines Vaters Stelle hätte sterben sollen. Mit acht Jahren habe ich nicht verstanden, wie er so etwas sagen kann, und habe geweint, weil ich den Gedanken nicht ertrug, ihn auch noch zu verlieren.

Wie sah Ihre persönliche Beziehung zu Ihrem Grossvater aus? Wurde er Ihr Vaterersatz?

Er war keine typische Vaterfigur, weil er andauernd beschäftigt war, nicht nur auf der «Calypso». Er versuchte, Geld aufzutreiben, traf sich mit vielen Leuten, flog von einer Stadt zur nächsten, schloss Filmverträge ab. Wir haben ihn nur ein paar Mal im Jahr gesehen. Dann tranken wir Kakao bei «Angelina’s» in der Rue de Rivoli in Paris. Ich erinnere mich an viele schöne Momente mit ihm: wie er mit mir in Paris um die Wette gelaufen ist, wie ich ihn in der Cousteau Society oder im Schneideraum besucht habe, wo er die einzelnen Zelluloidstreifen begutachtete und mit roten Stiften für den Schnitt markierte.

Der Film «Jacques» erzählt auch die Dramen hinter den Kulissen und intime Familiendetails. Wie empfinden Sie es, dabei zuzuschauen?

Ich bin glücklich, dass auch die Geschichte meines Vaters erzählt wird und dass ein so phantastischer Schauspieler wie Pierre Niney ihn verkörpert. Die Schauspielerin Audrey Tautou ist meiner Grossmutter zum Verwechseln ähnlich. Es stimmt, mein Grossvater gerät mehr und mehr in Vergessenheit, da ist es gut, dass ein Film ihn wieder in Erinnerung bringt. Es macht gar nichts, wenn auch seine Fehler erwähnt werden. Ja, er war seiner Frau untreu. Aber ich weiss, dass er meine Grossmutter ehrlich geliebt hat. Ich erinnere mich noch daran, wie sehr er getrauert hat, als sie 1990 starb. Sie hat ihm vieles ermöglicht, sie waren ebenbürtige Partner, auch wenn sie später sehr unglücklich war und trank. Er war oft fort, aber er hat ihr auch das Leben gegeben, von dem sie immer träumte. Sie war die einzige Frau, die so oft auf einem Schiff mit einer wissenschaftlichen Mission mitgefahren ist. Sie hätte ihr Leben gegen kein anderes eingetauscht. Sie war die Königin an Bord, wurde von allen geliebt – die Crew nannte sie «La Bergère», die Hüterin.

Und wie gefällt Ihnen Lambert Wilson als «JYC»?

Lambert Wilson hat Jacques bestens getroffen. Er hat seine Persönlichkeit verstanden. Wilson war es ein Bedürfnis, diese Geschichte zu erzählen. Es ging weder ihm noch den anderen ums Gelddas Budget dieses Films war nicht hoch. Daher war es allen Schauspielern auch wichtig, was unsere Familie von ihrer Arbeit hält. Wir haben die Arbeit des Teams sieben Jahre lang unterstützt. Die Geschichte wird mit Herz und Leidenschaft erzählt.

Macht es Ihnen wirklich nichts aus, wenn in Filmen und Dokumentationen über Ihre Familie an der Legende gekratzt wird?

Nein. Ich habe schon eine Menge über meinen Grossvater und über meinen Vater zu hören bekommen, sehr vieles, was ich gar nicht alles so genau wissen wollte. Doch bei allem, was mein Grossvater getan hat, liebe ich ihn nach wie vor, weil er eine aus- sergewöhnliche Persönlichkeit war. Jeder hat Fehler, niemand ist perfekt.

Waren Sie an der Entwicklung von «Jacques» direkt beteiligt?

Nein. Aber meine Mutter war das durchaus. Sie stand bei den Dreharbeiten als Beraterin zur Verfügung und hat während der gesamten Produktion Feedback gegeben. Sie hat auch Fotos und Briefe meines Vaters beigesteuert.

Nach dem Tod seiner Frau hat Jacques Cousteau ein zweites Mal geheiratet, bevor er 1997 starb. Seine zweite Frau besitzt die Rechte an seinen Filmen – sorgt das für Konflikte?

Darüber möchte ich mich nicht äussern. Nur so viel: Es gibt nach wie vor Konflikte zwischen uns.

Und was ist eigentlich mit dem legendä- ren Forschungsschiff «Calypso», auf dem Ihre Grosseltern fast 30 Jahre zu Hause waren? Wurde es inzwischen renoviert?

Das liegt leider nicht in meiner Verantwortung, sonst wäre das schon längst passiert. Aber all das lässt sich im Internet nachlesen . . . Ich habe ohnehin nicht den Wunsch, diesen Teil des Erbes meines Grossvaters fortzuführen.

Wie meinen Sie das?

Mit zwanzig, als ich gerade aus dem College kam, habe ich mich dem Erbe meines Grossvaters und meines Vaters noch sehr stark verpflichtet gefühlt. Doch so ein Erbe ist auch eine ungeheure Bürde, weil du damit Schwierigkeiten hast, eine eigene Identität zu entwickeln. Letztlich lebst du in einer anderen Welt als mein Vater und mein Grossvater damals. Heute befinden wir uns, was den Umweltschutz betrifft, in einer völlig anderen Situation, auch wegen des Klimawandels. Da sind ganz andere Massnahmen für die Zukunft vonnöten. Das fing mir an bewusst zu werden, als ich eigene Expeditionen unternahm, selbst Filme drehte, zum National Geographic Explorer wurde oder am World Economic Forum in Davos andere Aktivisten traf. Früher tat ich es für meinen Vater und meinen Grossvater, also die Vergangenheit – jetzt tue ich es für die Zukunft, für meine und alle anderen Kinder, für die es gilt, unsere Welt in der Zukunft vor einer grossen Umweltkatastrophe zu bewahren. Es geht nicht mehr um ihr Vermächtnis, sondern um das Vermächtnis einer ganzen Generation.

Ist Ihr Engagement ehrenamtlich – oder ein echter Beruf ? Müssen Sie damit Geld verdienen?

Ja. Ich habe ja nichts geerbt, also muss ich für meinen Unterhalt arbeiten, wie jeder (lacht). Mein Grossvater war kein wohlhabender Mann. Ruhm bedeutet nicht automatisch Reichtum. Allein die «Calypso» zu unterhalten, kostete Unsummen. Er stand immer kurz vor der Pleite.

Sie sind fast so viel unterwegs wie Ihr Grossvater. Wo überall sind Sie als Aktivistin zurzeit besonders stark involviert?

Ich arbeite für diverse Projekte der National Geographic Society. Ich habe den Film mit Leonardo DiCaprio, «Before the Flood», und auch «Years of Living Dangerously» unterstützt. Und seit sechs Jahren arbeite ich aus- serdem als Beraterin für «Oceana», die weltweit grösste Nonprofit-Organisa- tion, die sich für den Schutz der Meere einsetzt. Im September war ich für die Organisation auf den Philippinen, wo ich mit der Vizepräsidentin und der Umweltministerin – alles Frauen! – persönlich sprechen konnte. Ich ver- mittle auf politischer Ebene, hole Spenden ein und bereite Expeditio- nen auf.

Was ist Ihre Vision, Ihr Zukunfts- wunsch?

Ich arbeite gerade an einem Doku- mentarfilm zu dem sehr ambitionier- ten Projekt «Save the Oceans, Feed the World!». Darin zeige ich auf, wie wir die Welt tatsächlich verändern könn- ten. Das Projekt entspringt keiner idealistischen Phantasie, sondern stützt sich auf fundierte Daten und Untersuchungen, die unter anderem ergeben haben, dass 90 Prozent der Überfischung von weniger als 30 Nationen verursacht werden. Wenn wir es schaffen, 27 von denen zu bewegen, ihre Fischerei anders aufzu- ziehen, können wir die Meeresvielfalt retten – und bis zu 1 Milliarde Men- schen pro Tag Nahrung verschaffen. Dazu müssten die Länder neue Tech- nologien einsetzen, die ein Signal geben, sobald eine Überfischung stattfindet. Man kann das Problem mit dem Beifang lösen – Fische, die nicht weiter verwertet werden, werden tot ins Meer geschmissen, was zusätzlich zu einer Abnahme der Artenvielfalt führt. Es muss auch darauf gedrängt werden, mehr Schutzzonen einzurich- ten. Momentan werfen wir noch sel- ber Geld ein, so dass wir den Film wahrscheinlich erst in zwei Jahren fertig haben werden.

Hilft Ihr Name, auf politischer Ebene Dinge voranzutreiben?

Auf jeden Fall! Viele Politiker und Entscheidungsträger weltweit stam- men aus der Zeit meines Grossvaters. Der Name öffnet mir selbstverständlich Türen, die sonst verschlossen blieben.

Auf welche Ihrer Leistungen sind Sie besonders stolz?

Jetzt, wo ich Kinder habe, muss ich auf eine andere Weise an meine Arbeit herangehen. Ich freue mich besonders auf die bevorstehende Arbeit an «Save the Oceans and Feed the World!». Wenn es uns gelingen sollte, möglichst viele Nationen dazu zu bewe- gen, ihre Fischereipolitik entspre- chend unseren Vorschlägen zu verän- dern, dann ist ein grosser Schritt zum Schutz der Meere getan. Das würde gleichzeitig bedeuten, dass wir dadurch bis zu 1 Milliarde Menschen pro Tag Nahrung verschaffen.

Sie drehen auch einen Dokumentarfilm für dieses Projekt.

Ja, wir haben letzten September mit den Dreharbeiten angefangen. Es gibt viele Länder, in denen ich Aufnahmen machen möchte. Der Film wird aus meiner Sicht erzählt, doch auch meine Tochter Clementine wird ein Teil des Films werden. Sie wird nicht direkt zu sehen sein, aber es geht darum, dass die leer gefisch- ten Meere, die wir jetzt haben und die sich in einem ganz anderen Zustand befinden als zur Zeit meines Vaters und meines Grossvaters, sich in der Zukunft für unsere Kinder wieder erholen werden. Und diese Weiche gilt es jetzt zu stellen.